KLEVE. (Text: STADT-IO) | Verkaufsoffene Sonntage werden in vielen Innenstädten noch immer vor allem aus einer bekannten Perspektive gedacht: Die Geschäfte öffnen, die Menschen kommen, irgendwo gibt es Stände, Musik, vielleicht ein Bühnenprogramm. Doch gerade in einer Stadt wie Kleve könnte ein verkaufsoffener Sonntag mehr sein als ein zusätzlicher Einkaufstag. Er könnte ein praktischer Versuch werden, die Innenstadt, ihre Wege, ihre Steigungen, ihre Parkräume und ihre Erreichbarkeit einmal anders zu erleben.
Die Grundidee: ein autofreier verkaufsoffener Sonntag, nicht als reine Sperrmaßnahme, sondern als groß angelegtes Mobilitäts- und Innenstadtfest. Ein Tag, an dem die Stadt ausprobiert, wie Kleve funktioniert, wenn das Auto nicht automatisch bis vor die Ladentür gedacht wird.
Gerade Kleve bietet sich für ein solches Konzept an. Die Stadt ist topographisch anspruchsvoll. Wege zwischen Unterstadt, Oberstadt, Hagsche Straße, Großer Straße, Kavarinerstraße, Bahnhofsumfeld und den angrenzenden Gewerbe- und Wohnbereichen sind nicht überall selbstverständlich bequem. Wer kurze Wege gewohnt ist, wer Steigungen meidet oder wer aus Gewohnheit auch kleinste Strecken mit dem Auto zurücklegt, empfindet alternative Mobilität schnell als theoretisches Thema. Ein autofreier Sonntag könnte diese Theorie praktisch machen.
Dabei ginge es nicht darum, das Auto zu verteufeln. Im Gegenteil: Das Auto bliebe Teil des Konzepts, allerdings anders eingesetzt. Größere Parkflächen am Rand der Innenstadt oder bei peripher gelegenen Gewerbestandorten könnten zu Mobilitätspunkten werden. Dort beginnt nicht das Ende des Einkaufsbesuchs, sondern der eigentliche Veranstaltungsteil: mit Leihfahrrädern, Lastenrädern, Rikschas, Shuttle-Bussen, Elektro-Kleinbussen, Bimmelbahn-Angeboten, barrierearmen Fahrdiensten, Gruppenfahrzeugen, Kindertransporten oder geführten Spazier- und Fahrradrouten in Richtung Innenstadt.
So entstünde ein Veranstaltungsraum, der größer gedacht werden kann als die klassische Einkaufsstraße. Gerade Gewerbestandorte am Rand, die bei verkaufsoffenen Sonntagen rechtlich oder konzeptionell häufig außen vor bleiben, könnten als Start-, Service- und Erlebnisorte eingebunden werden: nicht zwingend mit eigener Sonntagsöffnung, sondern als Mobilitäts-Hubs, Aktionsflächen, Treffpunkte, Informationspunkte oder Partnerstandorte. Parken, Umsteigen, Ausprobieren, Weiterfahren — so könnte die Peripherie zur Eingangstür der Innenstadt werden.
Der besondere Charme des Konzeptes liegt darin, dass es mehrere Debatten miteinander verbindet. Es geht um Verkehr, aber nicht nur um Verkehr. Es geht um Umwelt, aber nicht nur um Umwelt. Es geht um Handel, aber nicht nur um Umsatz. Und es geht um Stadtentwicklung, ohne dass gleich ein jahrelanger Masterplan bemüht werden muss.
Ein solcher Sonntag könnte zeigen, dass weniger Autoverkehr nicht automatisch weniger Erreichbarkeit bedeutet. Im besten Fall würde er sogar das Gegenteil beweisen: Wer nicht im Parksuchverkehr festhängt, wer stressfrei am Rand parkt und von dort mit einem klar organisierten Shuttle oder einem Leihfahrzeug weiterkommt, erlebt Innenstadt möglicherweise entspannter. Das wäre ein wichtiger Perspektivwechsel — besonders für Menschen, die autofreie Konzepte bisher vor allem als Einschränkung wahrnehmen.
Für den Handel kann daraus ein starkes Argument entstehen. Eine Innenstadt lebt nicht davon, dass jedes Auto möglichst nah an jedes Schaufenster kommt. Sie lebt davon, dass Menschen gerne bleiben, schlendern, sich begegnen, spontan etwas entdecken und einen Ort als angenehm empfinden. Ein autofreier verkaufsoffener Sonntag könnte genau diese Aufenthaltsqualität in den Mittelpunkt stellen: mehr Platz für Außengastronomie, Spielaktionen, Marktstände, Probierflächen, Musik, Vereinsleben, Kinderangebote, Kunst, Buch- und Spielaktionen, Sportvorführungen, Mobilitätsberatung und kleine Ruheinseln.
Denkbar wäre ein Leitmotiv wie „Kleve bewegt sich“ oder „Innenstadt ohne Stau“. Auf zentralen Achsen könnten verschiedene Erlebniszonen entstehen: eine Familien- und Spielzone, eine Rad- und Lastenrad-Teststrecke, eine lokale Genussmeile, ein Vereins- und Ehrenamtsbereich, ein Mobilitätsparcours für Kinder, eine barrierearme Route für Seniorinnen und Senioren sowie geführte „Kleve zu Fuß“-Touren, die bewusst die Höhenunterschiede und besonderen Blickachsen der Stadt aufgreifen. Auch Einzelhändler könnten sich nicht nur als Verkaufsstellen, sondern als Gastgeber beteiligen: mit Vorführungen, kleinen Workshops, Lesungen, Produktberatungen, Tauschbörsen, Probieraktionen oder thematischen Schaufenstern.
Rechtlich müsste ein solches Konzept sorgfältig gedacht werden. In Nordrhein-Westfalen dürfen verkaufsoffene Sonntage nicht beliebig angesetzt werden. Das Ladenöffnungsgesetz verlangt ein öffentliches Interesse; mögliche Gründe sind unter anderem örtliche Feste, Märkte, Messen oder ähnliche Veranstaltungen, die Stärkung zentraler Versorgungsbereiche, die Belebung der Innenstadt oder die Sichtbarmachung der Kommune als attraktiver Standort. Die Öffnung ist ab 13 Uhr für maximal fünf Stunden möglich und muss von der Kommune per Verordnung freigegeben werden. Entscheidend ist, dass nicht der bloße Einkauf im Vordergrund steht, sondern ein nachvollziehbarer öffentlicher Zweck.
Gerade deshalb könnte das autofreie Konzept interessant sein. Denn es wäre mehr als ein Vorwand für Sonntagsöffnung. Es hätte einen eigenständigen Veranstaltungscharakter: Mobilität erleben, Innenstadt neu wahrnehmen, Stress im Alltagsverkehr reduzieren, kurze Wege anders organisieren, Aufenthaltsqualität sichtbar machen und unterschiedliche Stadtbereiche miteinander verbinden. Die NRW-Anwendungshilfe weist ausdrücklich darauf hin, dass Gemeinden darlegen müssen, warum nicht Umsatz- oder Shoppinginteressen dominieren, sondern ein öffentliches Interesse gefördert wird. Außerdem müssen Charakter, Größe und räumlicher Zuschnitt einer Veranstaltung nachvollziehbar dokumentiert werden.
Das bedeutet für Kleve: Der autofreie Sonntag müsste nicht klein gedacht werden, aber präzise. Wo beginnt der Veranstaltungsraum? Welche Straßen werden gesperrt? Welche Parkplätze dienen als Eingangspunkte? Welche Shuttle-Achsen gibt es? Wo liegen die Aktionsflächen? Welche Bereiche prägt die Veranstaltung tatsächlich? Und welche Geschäfte liegen in einem räumlich und funktional nachvollziehbaren Zusammenhang mit diesem Geschehen?
Ein möglicher Aufbau wäre ein Ringmodell. Am äußeren Rand liegen Park- und Umstiegspunkte: etwa größere Parkplatzflächen, Gewerbestandorte oder gut erreichbare Sammelpunkte. Von dort führen mehrere klar ausgeschilderte Linien in die Innenstadt: eine Shuttle-Linie, eine Fahrrad- und Lastenradroute, eine barrierearme Verbindung und eine Erlebnisroute für Fußgänger. Innerhalb der Innenstadt entsteht eine autofreie Kernzone mit Handel, Gastronomie, Markt, Kultur, Spiel, Beratung und Aufenthaltsflächen. Ergänzend könnten kleinere „Mobilitätsinseln“ in angrenzenden Bereichen zeigen, wie unterschiedliche Verkehrsmittel funktionieren.
Wichtig wäre, dass der Tag nicht moralisch aufgeladen wird. Niemand sollte das Gefühl bekommen, belehrt zu werden. Besser wäre ein positiver Ansatz: ausprobieren statt vorschreiben. Wer möchte, testet ein E-Lastenrad. Wer nicht gut zu Fuß ist, nutzt einen Shuttle. Familien können Kindertransporte ausprobieren. Ältere Menschen können erleben, ob ein barrierearmer Innenstadtbesuch ohne Parkplatzsuche funktioniert. Pendlerinnen und Pendler können sehen, wie Park-and-Ride im Kleinen aussehen könnte. Gewerbetreibende können erfahren, ob Kunden trotz anderer Wege kommen — vielleicht sogar entspannter.
Auch für die Stadtverwaltung könnte der Tag wertvolle Erkenntnisse liefern. Wo entstehen Engpässe? Welche Shuttlepunkte funktionieren? Welche Wege werden angenommen? Wo fehlen Abstellflächen? Welche Bereiche gewinnen durch weniger Verkehr sofort an Qualität? Wo gibt es Kritik? Ein gut dokumentierter Aktionstag könnte damit zugleich ein Reallabor für spätere Verkehrs- und Innenstadtplanung sein.
Der vielleicht größte positive Effekt läge aber in der Wahrnehmung. Autofreie Konzepte werden häufig abstrakt diskutiert — als Verzicht, als Verbot oder als Konflikt zwischen Handel, Anwohnern, Kunden und Klimaschutz. Ein verkaufsoffener Sonntag mit starkem Veranstaltungscharakter könnte diese Debatte drehen. Dann ginge es nicht zuerst um weniger Auto, sondern um mehr Stadt: mehr Platz, mehr Begegnung, mehr Übersicht, mehr Aufenthaltsqualität, mehr Erlebnis und mehr praktische Alternativen.
Kleve könnte damit ein Format entwickeln, das über den klassischen verkaufsoffenen Sonntag hinausgeht. Nicht einfach „Geschäfte auf“, sondern: Stadt ausprobieren. Nicht nur kaufen, sondern bewegen. Nicht nur Innenstadt besuchen, sondern Innenstadt neu erleben.
Am Ende stünde ein Konzept, das Handel, Mobilität und Stadtentwicklung zusammenführt. Ein autofreier verkaufsoffener Sonntag wäre kein Allheilmittel. Aber er könnte ein starkes Signal setzen: Die Innenstadt der Zukunft entscheidet sich nicht allein an der Frage, wie nah man mit dem Auto herankommt. Sie entscheidet sich daran, ob Menschen gerne dort ankommen, bleiben und wiederkommen.




