Journalistischer Kommentar von Sebastian Wessels (STADT-IO / Klever Innenstadt) | Hinweis zur Einordnung:
Bei diesem Text handelt es sich ausdrücklich um einen journalistischen Kommentar. Er verbindet öffentlich berichtete Entwicklungen rund um Galeria mit einer persönlichen, kritischen Einschätzung zur Bedeutung des Standortes für die Klever Innenstadt. Der Text erhebt nicht den Anspruch, interne Vertragslagen, Investorenentscheidungen oder wirtschaftliche Details abschließend beurteilen zu können. Er soll vielmehr eine Debatte darüber anstoßen, welche Zukunft ein solch zentraler Innenstadtstandort in Kleve haben kann – und ob das bisherige Festhalten am Warenhauskonzept noch tragfähig ist.
KLEVE. (Text: STADT-IO / Foto: STADT-IO (ChatGPT)) | Das Kaufhaus gehört zur Klever Innenstadt wie kaum ein anderes Gebäude. Galeria, früher Kaufhof, war über Jahrzehnte ein fester Orientierungspunkt in der City. Wer in die Innenstadt ging, ging oft auch „zum Kaufhof“. Für viele war das Warenhaus nicht nur ein Geschäft, sondern ein Stück städtische Gewohnheit: zentral gelegen, breit sortiert, wetterunabhängig, verlässlich.
Genau deshalb wird Galeria bis heute gerne als Magnet für die Klever Innenstadt bezeichnet. In politischen, wirtschaftlichen und öffentlichen Debatten klingt das fast wie eine Selbstverständlichkeit. Ein Kaufhaus dieser Größe müsse gehalten werden, weil es Frequenz bringe, weil es Kunden anziehe, weil es für eine Innenstadt unverzichtbar sei. Nur stellt sich inzwischen die Frage, ob diese Erzählung noch trägt – oder ob sie längst mehr Wunschbild als Wirklichkeit ist.
Denn ein Magnet zieht an. Er erzeugt Bewegung. Er sorgt dafür, dass Menschen bewusst in die Innenstadt kommen, dort verweilen, weitere Geschäfte besuchen, Gastronomie nutzen, Atmosphäre erleben. Ein Kaufhaus, das selbst seit Jahren von Krise zu Krise taumelt, das immer wieder durch neue Finanznöte, Sanierungsrunden, Rabattaktionen und Standortdiskussionen auffällt, kann diese Rolle irgendwann nicht mehr überzeugend ausfüllen.
Die jüngsten Berichte über Galeria zeigen erneut, wie angespannt die Lage der Kette offenbar ist. Wieder geht es um Kredite, wieder um Einschnitte, wieder um mögliche Standortfragen, wieder um Liquidität. Seit 2020 hat Galeria mehrere Insolvenzverfahren durchlaufen. Gebessert hat sich die Grundsituation offenbar nicht nachhaltig. Wenn ein Unternehmen nur noch durch Rabattaktionen, Mietstundungen, neue Finanzspritzen und weitere Sanierungspläne über Wasser gehalten wird, dann darf man auch in Kleve fragen: Wie lange soll die Innenstadt noch an einem Konzept festhalten, das seine frühere Kraft längst verloren hat?
Besonders kritisch wirkt in diesem Zusammenhang die nun berichtete mögliche Finanzspritze in Höhe von 160 Millionen Euro durch den US-Investor Gordon Brothers. Nach Medienberichten wird über einen solchen Kredit verhandelt. Gordon Brothers ist dabei kein klassischer Innenstadtentwickler, sondern ein Unternehmen, das unter anderem Abverkäufe begleitet, wenn Einzelhändler Filialen schließen. Schon dieser Umstand sollte hellhörig machen.

Natürlich kennt man als Außenstehender die konkreten Vertragsbedingungen nicht. Diese Welt aus Investoren, Krediten, Sicherheiten, Warenbeständen, Mietverhandlungen und Konzernsanierung ist weit weg von der Perspektive der Kundinnen und Kunden, die in Kleve einfach nur einkaufen gehen. Aber gerade aus Laiensicht drängt sich eine unbequeme Frage auf: Geht es hier wirklich noch um nachhaltige Investitionen in Standorte, Sortimente und Innenstädte – oder eher darum, einen angeschlagenen Konzern so lange am Leben zu halten, dass ein Kredit bestmöglich bedient werden kann und vorhandene Werte noch herausgezogen werden?
Wenn Letzteres auch nur als Möglichkeit im Raum steht, dann ist das kein Zukunftsmodell für die Klever Innenstadt. Dann wäre jeder zusätzliche Einkauf bei Galeria nicht nur ein Kaufakt, sondern auch eine indirekte Stütze eines Systems, das möglicherweise gar nicht mehr auf echte Erneuerung ausgerichtet ist. Kunden dürfen sich deshalb sehr wohl fragen, ob sie dieses Spiel noch mitspielen möchten. Wer eine lebendige Innenstadt will, sollte sein Geld dort ausgeben, wo es Perspektive schafft – nicht dort, wo es womöglich nur den nächsten Sanierungskreislauf verlängert.
Das ist keine einfache Frage. Denn selbstverständlich hängen Arbeitsplätze daran. Selbstverständlich gibt es Beschäftigte, die dort seit Jahren arbeiten, Kunden beraten und trotz aller Unsicherheit ihren Job machen. Und selbstverständlich wäre ein plötzlicher Leerstand an dieser Stelle ein massives Problem für die Klever Innenstadt. Gerade deshalb braucht es eine ehrliche Debatte – nicht erst dann, wenn Entscheidungen anderswo längst gefallen sind.
Dabei müsste ein neues Konzept nicht automatisch bedeuten, dass gerade die heutigen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter des Standortes zu Verlierern einer solchen Entwicklung würden. Im Gegenteil: Wer über Jahre ein Warenhaus in dieser Größe mitgetragen hat, bringt Erfahrung, Sortimentskenntnis, Kundenkontakt, Abläufe, Flächenverständnis und lokale Vertrautheit mit. Genau dieses Wissen wäre bei einem kleinteiligeren, vielseitigen Verbund aus Einzelhändlern unter einem Dach vermutlich besonders wertvoll. Ein „Kaufhaus Kleve“ bräuchte nicht weniger Kompetenz, sondern andere Strukturen – und gerade erfahrenes Personal könnte dort eine wichtige Brücke zwischen dem bisherigen Standort und einer neuen Handelsidee bilden.
Kritisch wird es dort, wo aus berechtigter Sorge um den Standort eine Art Denkverbot entsteht. Galeria darf nicht nur deshalb als Innenstadtmagnet gelten, weil man es über Jahrzehnte so gesagt hat. Die Innenstadt muss sich fragen, was ein Magnet heute tatsächlich leisten muss. Reicht eine große Fläche? Reicht ein bekannter Name? Reicht nostalgische Bedeutung? Oder braucht es nicht vielmehr Auswahl, Erlebnis, regionale Verwurzelung, echte Motivation, faire Preise, kurze Wege und Händler, die aus eigenem Interesse heraus täglich um Kunden kämpfen?
Vielleicht liegt genau hier die eigentliche Chance für Kleve. Nicht in der nächsten Rettung eines bundesweiten Warenhauskonzerns, dessen Entscheidungen weit weg von der Stadt getroffen werden. Sondern in der Vorstellung, diesen zentralen Ort langfristig neu zu denken: als „Kaufhaus Kleve“, als vielseitigen, regional getragenen Handelsstandort mit mehreren selbstständigen oder inhabergeführten Anbietern unter einem Dach. Ein Ort, der nicht nur ein Sortiment verwaltet, sondern die Vielfalt der Innenstadt bündelt.
Denkbar wäre ein breites Portfolio: Spielwaren, Bücher, Schreibwaren, Mode, Geschenkartikel, regionale Produkte, Haushaltswaren, Feinkost, kleinere Manufakturen, Serviceangebote, vielleicht Gastronomie, vielleicht wechselnde Aktionsflächen. Nicht als beliebige Ansammlung von Verkaufsständen, sondern als kuratierter Innenstadtort mit gemeinsamem Auftritt, klarer Struktur und verlässlichen Öffnungszeiten. Ein Kaufhaus nicht als Konzernfiliale, sondern als sichtbare Summe dessen, was Kleve selbst leisten kann.
Ein solcher Weg wäre nicht einfach. Er würde Zeit brauchen. Eine neue Zentralität entsteht nicht über Nacht. Wer einen solchen Standort übernimmt oder neu strukturiert, müsste Flächen sinnvoll teilen, Sortimente abstimmen, Logistik klären, Markenbildung betreiben, Investitionen stemmen und zugleich genügend Vielfalt abbilden, damit der Ort wirklich trägt. Auch geeignete Alternativstandorte in dieser Größe sind in der Klever Innenstadt kaum realistisch. Gerade deshalb wäre es fatal, erst zu handeln, wenn ein möglicher Leerstand bereits Realität ist.
Die Kunden spielen dabei eine entscheidende Rolle. Wer immer nur darauf wartet, dass ein angeschlagenes Kaufhaus irgendwie erhalten bleibt, macht sich abhängig von Entscheidungen, die in Konzernzentralen, bei Investoren, Vermietern und Kreditgebern getroffen werden. Wer dagegen bewusst die inhabergeführte und regionale Innenstadt stärkt, ebnet den Weg für Alternativen. Nicht aus Schadenfreude gegenüber Galeria, sondern aus Verantwortung gegenüber Kleve.
Denn am Ende geht es nicht darum, ein Kaufhaus aus der Innenstadt wegzudenken. Im Gegenteil: Gerade weil der Standort so wichtig ist, muss er neu gedacht werden dürfen. Kleve braucht an dieser Stelle keinen müden Mythos, sondern einen echten Magneten. Einen Ort, der Kunden nicht durch Räumungsrabatte oder Krisenmeldungen anzieht, sondern durch Auswahl, Verlässlichkeit, Nähe und Begeisterung.
Vielleicht ist der größte Fehler der letzten Jahre, dass man Galeria immer noch als Lösung betrachtet hat, obwohl es längst selbst Teil des Problems geworden ist. Die Klever Innenstadt braucht Mut, diesen Gedanken zuzulassen. Nicht irgendwann. Sondern jetzt.




