FOTO (STADT-IO): Verena Rohde (Geschäftsführerin der WTM) und Citymanager Tobias Nelke sind zuversichtlich mit neuer Aufmerksamkeit auf Leerstände Interessenten für das Förderprogramm zu aktivieren!
… aber reicht das wirklich für eine Trendwende in der Klever Innenstadt?
KLEVE. Die Wirtschaft, Tourismus & Marketing GmbH der Stadt Kleve (WTM) legt ein neues Förderprogramm für eigentümergeführten Einzelhandel in der Klever Innenstadt auf. Das Ziel ist richtig: mehr Vielfalt, weniger Leerstand, mehr Leben in den zentralen Straßen. Und es ist ausdrücklich anzuerkennen, dass die WTM überhaupt aktiv wird und Anreize setzt – in Zeiten, in denen viele Innenstädte eher verwaltet als gestaltet werden.
Nur: Bei der entscheidenden Frage, ob dieses Programm spürbar etwas verändert, drängt sich Skepsis auf.
Ein Anreiz, der im Alltag schnell verpufft
Die Eckdaten sind schnell erzählt: 2.280 Euro pro Jahr für Läden bis 100 m², 3.000 Euro pro Jahr für größere Flächen – maximal 12 Monate. Umgerechnet sind das 190 bis 250 Euro pro Monat. Das wirkt auf dem Papier wie Hilfe. In der Praxis ist es bei vielen Objekten eher ein Tropfen auf dem heißen Stein – und in manchen Fällen reicht es kaum über eine Kostenposition hinaus, die bereits zum Start drückt: Maklercourtage und andere Anlaufkosten.
Förderhöhe:
Verkaufsfläche bis 100 m²: 2.280 Euro pro Jahr
Verkaufsfläche über 100 m²: 3.000 Euro pro Jahr
Förderdauer: maximal 12 Monate
Antragstellung: formlos per E-Mail an nelke@wtm-kleve.de oder info@wtm-kleve.de
Selbst die Spitzenförderung deckt, realistisch betrachtet, nur einen kleinen Anteil dessen, was ein Betrieb in der Klever Innenstadt monatlich stemmen muss: Miete, Nebenkosten, Versicherungen, Kasse/IT, laufendes Marketing, Personal – und selbst wenn der Inhaber „alles alleine“ macht: Arbeit bleibt Arbeit und muss sich tragen. Ware und Liquiditätspuffer sind damit noch längst nicht gelöst.
Wenn Förderung vor allem Verwaltungskosten verschiebt
Was in solchen Programmen oft untergeht: Förderung erzeugt nicht nur Entlastung, sie erzeugt auch Aufwand – Anträge, Nachweise, Prüfung, Verwaltung, Kommunikation. Im schlechtesten Fall entsteht ein System, in dem auf der einen Seite Kosten aufgebaut werden (Verwaltung), um auf der anderen Seite Kosten geringfügig zu reduzieren (Händler). Das kann kurzfristig gut aussehen, ist aber selten das, was eine Innenstadt wirklich nach vorne bringt.
Gerade für die Klever Innenstadt wäre der Hebel größer, wenn weniger Geld in „Kompensation“ fließt – und mehr in Instrumente und Werkzeuge, die langfristig Wertschöpfung erzeugen: Strukturen, die Umsatzchancen erhöhen, Risiken senken und Frequenz dauerhaft stabilisieren. Denn die zentrale Herausforderung ist nicht, ob ein Laden 200 Euro im Monat weniger Druck hat. Die Frage ist: Wie holen wir Konsum zurück in die Klever Innenstadt – am besten dort weg, wo er heute abfließt: ins Internet? Dafür braucht es mehr als Zuschüsse. Dafür braucht es ein System, das die Klever Innenstadt wieder zur naheliegenden Kaufentscheidung macht – nicht nur günstiger, sondern profitabler.
Gute Worte – und der Anspruch, der daraus folgt
In der Ursprungsmeldung betont WTM-Geschäftsführerin Verena Rohde: „Ein vielfältiger, inhabergeführter Einzelhandel ist ein zentraler Baustein für die Attraktivität unserer Innenstadt.“ Und sie setzt noch einen drauf: „Mit dem Förderprogramm schaffen wir einen konkreten Anreiz für neue Ladenkonzepte, beseitigen Leerstände und stärken Kleve als Einkaufs- und Aufenthaltsort.“ Das sind Sätze, die man unterschreiben kann – sie formulieren den richtigen Anspruch.
Aber gerade weil der Anspruch so groß ist, muss die Diskussion ehrlich bleiben: Ein „konkreter Anreiz“ ist nicht automatisch ein tragfähiges Fundament. Und „Leerstände beseitigen“ heißt nicht nur, dass ein Mietvertrag unterschrieben wird – sondern dass ein Geschäft sichtbar wird, Kunden gewinnt, Frequenz erzeugt und bleibt.
Zwei Jahre Mindestmietvertrag: Sicherheit fürs Programm, Risiko für Gründer
Ambivalent ist zudem die Bedingung, dass nur gefördert wird, wenn ein neuer Mietvertrag mit mindestens zwei Jahren Laufzeit abgeschlossen wird. Das soll Leerstand verhindern – verständlich als Ziel. Für Gründerinnen und Gründer kann es aber das Gegenteil bedeuten: eine Bindung, bevor klar ist, ob Standort, Warengruppe und Frequenz wirklich funktionieren. Wer nach sechs Monaten merkt, dass es so nicht trägt, steckt trotzdem im Vertrag.
Genau hier liegt der Knackpunkt: Der Zuschuss kann der „letzte Anstoß“ sein, ein Ladenlokal zu eröffnen – er kann aber zugleich der erste Anstoß für ein Scheitern sein, wenn die Rahmenbedingungen sich nicht massiv verbessern und der Gründer im Alltag alleine bleibt.
Nicht nur Leerstand zählt – sondern Sichtbarkeit, Mix und Frequenz
Wer nur auf Zahlen schaut, jongliert… – Citymanager Tobias Nelke kommuniziert für Kleve eine Leerstandsquote von 7,7 Prozent – und ordnet sie sogar im Vergleich höher als in Düsseldorf an. Das alleine ist schon nicht ganz ermutigend – aber es kommt eine weitere Perspektive hinzu, welche die eigentliche Herausforderung skizziert.
Kleve hat weniger ein reines Leerstandproblem als ein Qualitäts- und Wahrnehmungsproblem: zu wenig Branchenmix, zu wenig Einzigartigkeit, zu wenige echte Frequenzbringer. Die entscheidende Frage ist nicht nur, ob sich etwas ansiedelt – sondern was sich überhaupt dauerhaft etablieren kann und zusätzlich Frequenz generiert, ohne „sang- und klanglos“ wieder zu verschwinden, bevor es überhaupt wahrgenommen wurde.
Und damit stellt sich die nächste, oft verdrängte Kernfrage: Wie sehen potenzielle Kundinnen und Kunden die Geschäfte in der Klever Innenstadt, wenn sie gar nicht in die Klever Innenstadt gehen? Wenn Sichtbarkeit, digitale Auffindbarkeit und klare Anlässe fehlen, findet ein Laden in der Praxis schlicht nicht statt – egal, wie gut die Idee ist. Und Sichtbarkeit kann nicht von oben herab alleine funktionieren a la „Wir haben einen neuen Laden der tolle Sachen verkauft“ – sie muss von ganz unten bis nach oben wirken, vom konkret gesuchten Produkt hoch bis in die Innenstadt, in die Region!
„Zusammen“ ist kein Wohlfühlwort – sondern eine harte Standortstrategie
Wenn man wirklich etwas verändern will, muss das „Zusammen“ und das Arbeiten an gemeinsamen Zielen stärker eingefordert werden. Weniger wichtig ist es, hier und da Kosten zu reduzieren – viel wichtiger ist es, Gewinn zu ermöglichen. Denn nur wo Gewinn möglich ist, entstehen Stabilität, Investitionen, Ausbildungsplätze und langfristige Bindung an den Standort.
Das bedeutet auch: mehr Rückhalt unter der Händlerschaft – nicht als Floskel, sondern als Struktur. In der Stellenausschreibung des Citymanagers hieß es sinngemäß ebenfalls, dass die Schaffung eines Werberings für Kleve ins Aufgabenfeld fallen soll. Genau so ein Werbering ist kein nostalgisches Beiwerk, sondern ein mögliches Werkzeug, um gemeinsame Kampagnen, Sichtbarkeit, Frequenzanlässe und Standards zu organisieren – und damit Umsatzwahrscheinlichkeit zu erhöhen.

Denn der Einzelhändler ist allzu oft Einzelkämpfer. Sein Potenzial in der Gemeinschaft ist ebenso oft ungenutzt und zugleich unverzichtbar. Dieses Spannungsfeld wird in Kleve derzeit ausgerechnet dort sichtbar, wo man es am deutlichsten liest: auf den Aufklebern an Ladenlokalen, die teils seit Jahren leer stehen und auf das Förderprogramm aufmerksam machen. Dort ist das Wort „ungenutzt? / Stillstand?“ durchgestrichen – und darunter steht groß: „Unverzichtbar! / Startpunkt!“ Die Botschaft ist richtig: Ladenlokale sind unverzichtbar und Stillstand ist bekanntlich Rückschritt. Aber sie sind nicht alleinig unverzichtbar als Quadratmeter, als Schaufensterfläche und als Statistikwert – sondern nur, wenn sie mit Leben, Identität, Mehrwert und echter Wertschöpfung gefüllt werden.
Was wäre „eine andere“ Wirtschaftsförderung für die Klever Innenstadt?
Wenn das Ziel wirklich lautet, Zentralität zu stärken und Kaufkraft zurückzugewinnen, dann wären aus Sicht einer nachhaltigen Wirtschaftsförderung eventuell diese Hebel wirksam:
- Umzugsförderung in bessere Lagen
Statt nur Neuansiedlung zu stimulieren, könnte man parallel gezielt unterstützen, dass bestehende Betriebe aus C- und B-Lagen in A-Lagen ziehen. Das schafft Bündelung, Sichtbarkeit und eine klarere Einkaufsachse in der Klever Innenstadt. Gleichzeitig kann frei werdende Gewerbefläche in schwächeren Lagen perspektivisch eher in Wohnraum übergehen – was langfristig nachgefragt ist und Vermietern Stabilität bietet. - Angepasste Testflächen und geteilte Einstiege
Wer neue Konzepte will, braucht Räume, auf denen man ohne existenzielles Risiko erproben kann, ob Sortiment und Zielgruppe in der Klever Innenstadt wirklich funktionieren: mit angepassten Laufzeiten, reduzierten Einstiegshürden, einfachen risikoarmen Mietmodellen (durch offene Vermieter) und – wo möglich – geteilter Infrastruktur. Erst beweisen, dass Nachfrage da ist – dann wachsen. - Dauerhafte Werkzeuge statt einmaliger Zuschüsse
Der stärkste Effekt entsteht, wenn Citymanagement und Wirtschaftsförderung Strukturen schaffen, die Umsatz wahrscheinlich machen: gemeinsame Sichtbarkeit, frühzeitige Leerstandsteuerung, ein echter „Begleit“-Prozess für neue Betreiber, erreichbar / nahbar sein und verbinden – und Formate, die Konsum gezielt zurück in die Klever Innenstadt lenken, statt ihn online abfließen zu lassen.
Wirtschaftsförderung darf Reibung erzeugen – und sollte Maklercourtage systematisch vermeiden helfen
Wirtschaftsförderung hat nichts damit zu tun, sich bei allen beliebt zu machen. Im Gegenteil: Wer wirklich gestaltet, erzeugt manchmal Reibung – etwa wenn Umzüge gefördert werden und dadurch anderswo kurzfristig ein Mieter wegfällt, langfristig aber eine stärkere Mitte entsteht.
Und: Eine gute Wirtschaftsförderung mit Citymanagement sollte gerade solche einseitigen Kosten wie Maklercourtage langfristig reduzieren, indem sie das Spiel nicht dem Zufall überlässt. Natürlich sollen Makler Geld verdienen – das können sie in anderen Segmenten auch. Aber im Innenstadt-Kontext wäre es klüger, Leerstände so früh zu erkennen, dass Schließungen rechtzeitig bekannt sind und im Hintergrund gezielt nach Nachmietern gesucht wird: Akteure aus einer echten „Pipeline“ aktiv matchen, Mietvertragsübernahmen ermöglichen, Übergänge vorbereiten – bevor Makler überhaupt aktiv werden. Zu oft läuft es anders: Schild ins Schaufenster, warten, bis jemand kommt – und am Ende zahlt der neue Händler eine Courtage, die sein Startbudget schwächt, ohne dass dadurch Wertschöpfung entsteht.
Fazit
Trotz aller Kritik: Jeder Anreiz, der neue Betreiberinnen und Betreiber ermutigt, ist grundsätzlich willkommen – und die Hoffnung bleibt, dass die Zahl der Neueröffnungen in den kommenden Monaten die Zahl der Schließungen übertrifft. Gerade weil ein schwacher Januar 2026 und bereits erkennbare, angekündigte Schließungen (sichtbar etwa durch neue Vermietungsannoncen der vergangenen Tage) zeigen: Förderung ist nötig.
Nur bleibt die zentrale Frage: Hilft Geld allein, wenn der Gründer im kompletten innerstädtischen Kontext am Ende alleine steht – ohne Rückhalt, ohne System, ohne Sichtbarkeit? Wenn die Klever Innenstadt nicht nur neue Verträge, sondern nachhaltige Betriebe will, braucht es mehr als Zuschüsse: Mentoren aus der lokalen Händlerschaft, angepasste Testflächen bei anderen Händlern, echte Begleitung in den ersten Monaten – und vor allem Werkzeuge, die Nachfrage schaffen und Kaufkraft zurückholen.
Der inhabergeführte Einzelhandel kann Flexibilität – und genau die muss er jetzt auch zeigen. Denn Verantwortung liegt nicht nur bei Fördergebern und Citymanagement: Auch die Händler, die da sind, tragen Mitverantwortung, neue Akteure einzubinden, ihnen Bühne zu geben und gemeinsam dafür zu sorgen, dass neue Konzepte nicht untergehen, bevor sie überhaupt gesehen werden.




