SATIRE./KLEVE. (Text & Foto: STADT-IO & ChatGPT) | Es gibt Pressemitteilungen, bei denen man kurz innehält und sich fragt, ob sie versehentlich am 1. April verschickt wurden. Und dann gibt es Pressemitteilungen aus Kleve.
Die Stadt ruft also allen Ernstes dazu auf, den schönsten Baum Kleves zu suchen. Bürgerinnen und Bürger dürfen fortan Bäume fotografieren, kleine Geschichten dazu schreiben und ihren grünen Liebling ins kommunale Schaulaufen schicken. Anschließend wird abgestimmt, prämiert, ausgestellt und vermutlich in feierlicher Atmosphäre der Baumkönig 2026 gekrönt. Siegerplakette inklusive. Man möchte fast hoffen, dass wenigstens die Eiche ihre Dankesrede selbst hält.
Was für ein beeindruckendes Signal aus dem Rathaus. Während andere Kommunen mühsam mit Defiziten, Pflichtaufgaben, Infrastrukturproblemen und realen Zukunftsfragen ringen, zeigt Kleve der Welt: Wir sind durch. Wir haben fertig. Haushalt? Geschenkt. Stadtentwicklung? Läuft. Bürgerservice? Perfekt. Wirtschaftliche Perspektiven? Gesichert. Bleibt nur noch die alles entscheidende Frage: Wo steht eigentlich der schönste Baum?
Man muss diese Verwaltungseleganz bewundern. 20 Millionen Euro Haushaltsdefizit, aber genug Luft im System, um Personal, Zeit, Technik und Kommunikationsenergie auf einen Baumwettbewerb zu verwenden. Das ist keine Nebensächlichkeit mehr, das ist eine politische Haltung. Die Botschaft lautet: Wenn die Kasse leer ist, dann muss wenigstens die Linde glänzen.
Natürlich wird das Ganze mit Klimaanpassung, Lebensqualität und Aufmerksamkeit für Stadtgrün aufgeladen. Das klingt nach Verantwortung, Zukunft und Gemeinwohl. In Wahrheit ist es vor allem eines: Beschäftigungsfolklore mit Naturbezug. Verwaltung als Eventagentur. Kommunalpolitik als Bastelstunde. Ein bisschen Onlineportal, ein bisschen Bürgerbeteiligung, ein paar nette Fotos, drei Preisgelder, Ausstellung im Rathaus – und schon hat man so getan, als hätte man an der Zukunft der Stadt gearbeitet.
Es ist genau diese Form von weichgespültem Verwaltungsaktivismus, die so zuverlässig schlechte Prioritäten unter hübschen Überschriften versteckt. Denn nein: Die Wahl des schönsten Baumes ist keine Daseinsvorsorge. Sie repariert keine Straße, entlastet keinen Haushalt, schafft keinen Wohnraum, stärkt keinen Wirtschaftsstandort und verbessert keine Verwaltungsleistung. Sie produziert vor allem eines: den Eindruck, dass Verwaltung auch dann noch beschäftigt wirken kann, wenn sie inhaltlich nichts Relevantes beiträgt.
Vielleicht ist das sogar der eigentliche Kern des Wettbewerbs: Nicht der Baum soll bewertet werden, sondern die Fähigkeit einer Verwaltung, selbst im finanziellen Schlingerkurs noch Aufgaben zu erfinden, die niemand vermisst hätte, wäre sie nie auf die Idee gekommen. Kleve sucht nicht den schönsten Baum. Kleve sucht den dekorativsten Vorwand, um Bedeutung zu simulieren.
Und die Bürger? Die dürfen mitmachen. Natürlich. Denn was könnte motivierender sein, als in Zeiten knapper Kassen, drohender Belastungen und dauernder Hinweise auf fehlende Spielräume nun als Publikum einer kommunalen Nebenbeschäftigung aufzutreten? Brot und Spiele, nur diesmal mit Buche statt Gladiator. Wer vielleicht künftig stärker zur Kasse gebeten wird, darf sich immerhin damit trösten, dass im Rathaus bald Fotos besonders charismatischer Ahorngewächse hängen.
Man sollte diese Linie konsequent weiterdenken. Nach dem schönsten Baum folgen dann idealerweise der sympathischste Gullydeckel, die emotionalste Parkbank und der Verwaltungsliebling unter den städtischen Mülleimern. Auch dort steckt sicher noch ungeahntes Beteiligungspotenzial. Vielleicht gibt es dafür dann ebenfalls Preisgelder, Online-Abstimmungen und eine feierliche Ausstellung. Denn wenn man den Kern kommunaler Verantwortung einmal verlassen hat, ist nach unten bekanntlich noch viel Luft.
Die eigentliche Pointe ist aber bitterer: Eine Stadt mit 20 Millionen Euro Defizit müsste ununterbrochen darüber nachdenken, wie sie knapper, wirksamer und fokussierter arbeitet. Stattdessen sendet sie eine Pressemitteilung aus, die vor allem eins beweist: Offenbar ist der Verwaltungsapparat noch immer groß, bequem und entkoppelt genug, um sich mit exakt der Art von Nonsens zu befassen, die man sich nur leisten kann, wenn man den Ernst der Lage entweder nicht verstanden hat oder nicht spüren muss.
Der Baum kann nichts dafür. Er steht einfach da, macht Sauerstoff und wirft Schatten. Vernünftiger als manches, was um ihn herum passiert.
Pressemitteilung der Stadt Kleve vom 31. März 2026
Jetzt mitmachen: Wo steht Kleves schönster Baum?
Bäume verschönern nicht nur das Stadtbild, sondern spenden im Sommer auch wertvollen Schatten. Die Schönheit unserer Stadtbäume kommt gerade jetzt, Anfang Frühling, zum Vorschein. Während einige Knospen bilden, blühen andere schon in vollem Glanz.
Um dieses Naturschauspiel dieses Jahr hervorzuheben, veranstaltet die Stadt Kleve den Wettbewerb „Kleves Schönster Baum“. Für Merle Gemke, Klimaanpassungsmanagerin der Stadt Kleve, sind Bäume im Stadtgebiet unverzichtbar. „Stadtbäume sind ein zentraler Baustein der Klimaanpassung: Sie kühlen, speichern Wasser und machen unsere Städte widerstandsfähiger, schöner und lebenswerter. Aus diesem Grund lenkt der neue Wettbewerb gezielt Aufmerksamkeit auf unsere Stadtbäume“, so Gemke.
Alle Bürgerinnen und Bürger aus Kleve sind herzlich eingeladen, ihren Lieblingsbaum mit einem Bild sowie einer Geschichte oder einem kurzen Text zu bewerben. Die Teilnahme erfolgt online über das Beteiligungsportal der Stadt Kleve. Ob Eiche, Tanne oder Buche – die Hauptsache ist, dass der betreffende Baum im Vordergrund steht. Die Einreichungsphase beginnt am 01.04.2026 und endet zwei Monate später am 01.06.2026. Anschließend werden die Einreichungen geprüft und alle geeigneten Bilder werden zur Abstimmung auf dem Portal veröffentlicht.
Dann sind alle Kleverinnen und Klever an der Reihe, ihren Lieblingsbaum auszuwählen. Der Baum mit den meisten Stimmen erhält eine Siegerplakette. Die ersten drei Plätze werden zudem mit einem Geldpreis prämiert. Bilder der Bäume mit den meisten Stimmen werden zudem im Rathaus ausgestellt. Den Link zur Teilnahme und alle Infos finden Interessierte unter www.kleve.de/kleves-schönster-baum oder im Beteiligungsportal unter beteiligung.nrw.de/k/1024630.




